Neue Gefahr für den Ackerbau:
Weidelgras breitet sich aus
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Herr Dr. Wolber, das Weidelgras breitet sich zunehmend auf Ackerflächen aus. Handelt es sich dabei um ein regionales Problem oder ist das inzwischen ein deutschlandweites Phänomen?
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Welche Auswirkungen hat Weidelgras auf den Ackerbau?
Die Ertragsverluste durch Weidelgras sind erheblich. Während beim Ackerfuchsschwanz mit bis zu 30 Prozent gerechnet werden muss, kann Weidelgras Einbußen von bis zu 50 Prozent verursachen.
Das liegt an seiner Wuchsform, der Schnelligkeit, mit der es Flächen besetzt, und seiner starken Konkurrenz um Nährstoffe und Licht.
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Hinzu kommt, dass Herbizide immer weniger wirken. Warum ist das so?
Das liegt an der Resistenzentwicklung. Beim Ackerfuchsschwanz hat es zehn bis fünfzehn Jahre gedauert, bis Resistenzen auftraten. Beim Weidelgras reicht oft schon ein Zeitraum von drei bis vier Jahren. Je mehr Pflanzen auf der Fläche stehen, desto wahrscheinlicher ist, dass sich einzelne, resistente Individuen durchsetzen.
Außerdem stehen uns immer weniger Wirkstoffe zur Verfügung – neue Wirkstoffgruppen fehlen seit 20 Jahren, und bestehende Mittel könnten bald wegfallen. Zum Beispiel soll Flufenacet bis Jahresende verboten werden.
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Was empfehlen Sie den Landwirtinnen und Landwirten konkret, um Probleme mit Weidelgras in den Griff zu bekommen?
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Und was müsste politisch passieren?
Die Politik sollte der Landwirtschaft wieder mehr Handlungsspielraum verschaffen – zum Beispiel durch praxisnahe und zügige Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel sowie gezielte Förderung der Forschung an neuen Wirkstoffen.
Wenn der politische Kurs weiterhin auf eine pauschale Reduktion von Pflanzenschutzmitteln setzt, ohne tragfähige Alternativen zu schaffen, wird sich das Problem auf den Feldern weiter verschärfen.
Auch die landwirtschaftliche Forschung braucht mehr Unterstützung: Klassische Ackerbauthemen finden in heutigen Drittmittelprojekten kaum noch Berücksichtigung.
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Was bedeuten Wirkstoffverluste wie dieser für Ihren Betrieb?
Wir dürfen Captan nicht mehr einsetzen, wenn irgendwo im Bestand etwas blüht. Wir haben aber in den letzten Jahren gezielt Blühstreifen angelegt, um bienenfreundlich zu arbeiten. Jetzt müssen wir alles Blühende wegmähen, um legal spritzen zu können.
Das ist absurd. So schaffen wir für den Bienenschutz das genaue Gegenteil von dem, was wir wollen. Wir brauchen hier mehr wissenschaftliche Differenzierung statt pauschaler politischer Entscheidungen.