Digitale Systeme können Pflanzenschutz gezielter machen. Dr. Finn Großmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen erklärt, wo die Technik heute schon hilft, welche Voraussetzungen Betriebe brauchen und warum die Entscheidung trotzdem auf dem Acker fällt.
Vor jeder Pflanzenschutzmaßnahme stehen zwei Entscheidungen: Ist sie fachlich notwendig? Und wenn ja, muss die ganze Fläche behandelt werden? Genau hier sieht Dr. Finn Großmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen den Nutzen digitaler Systeme: Sie helfen, Risiken besser einzuschätzen und Pflanzenschutzmittel genauer zu platzieren.
Für Großmann beginnt digitaler Pflanzenschutz nicht erst bei der Ausbringung. Prognosemodelle und (digitale) Gelbschalen helfen schon vorher, den richtigen Zeitpunkt für die Bestandskontrolle besser einzuschätzen. Besonders Prognosemodelle könnten viele Betriebe noch konsequenter nutzen: Sie zeigen, ob die Witterung einen Befall mit Krankheiten oder Schädlingen begünstigt. „Ob tatsächlich etwas im Bestand ist, muss der Landwirt aber selbst prüfen“, sagt Großmann. Aus einem Modellhinweis wird deshalb erst dann eine mögliche Schutzmaßnahme, wenn sich das Risiko auf dem Acker bestätigt.
Ist ein Herbizideinsatz notwendig, stellt sich die nächste Frage: Muss der Schlag großflächig behandelt werden oder reicht eine Teilflächenbehandlung? Hier setzt Spot Spraying an. „Interessant wird es vor allem dort, wo Problemunkräuter wie Quecke oder Distel nesterweise auftreten“, sagt Großmann. Dann kann das Herbizid gezielt auf die betroffenen Bereiche gebracht werden.
Beim Offline-Verfahren wird die Fläche vorab per Drohne kartiert. Aus den Aufnahmen entsteht eine Applikationskarte, die später in die Spritze eingelesen wird. Der Vorteil: Der Betrieb weiß vor der Überfahrt, welche Bereiche behandelt werden und welche Mittelmenge ungefähr gebraucht wird. Das macht das Verfahren planbarer und für viele Betriebe eher zugänglich.
Beim Online-Verfahren laufen Erkennung und Behandlung in einem Arbeitsgang. Die Technik erkennt Unkräuter während der Fahrt über das Feld und schaltet die Düsen direkt an den passenden Stellen ein oder aus. Online-Systeme können sehr kleinräumig arbeiten, sind technisch aufwendiger und deutlich teurer. Wirtschaftlich interessant sind sie derzeit vor allem in Gemüsekulturen mit höherer Wertschöpfung und bei der Behandlung von Ampfer im Grünland.
Ob Spot Spraying fachlich und wirtschaftlich Sinn ergibt, entscheidet sich zunächst am Muster der Verunkrautung. Treten Problemunkräuter wie Quecke oder Distel nesterweise auf, kann die Technik ihre Stärke ausspielen. Ist dagegen nahezu der gesamte Schlag verunkrautet, nähert sich die Punktapplikation wieder einer Flächenbehandlung an – und der Einspareffekt wird entsprechend gering.
Technisch kommt es vor allem auf die Präzision der Ausbringung an. Für Spot Spraying braucht es in der Regel hochgenaue GNSS-Positionierung (RTK), automatische Schalttechnik (Section Control bzw. Einzel-/Teilbreitenschaltung) und ein stabiles Korrektursignal. Entscheidend ist außerdem die Schaltgenauigkeit der Spritze: Je kleiner die Teilbreiten, desto exakter lässt sich das Herbizid platzieren. „Das ist wirklich der größte Hebel“, sagt Großmann. Auch Düse und Fahrgeschwindigkeit müssen zum Verfahren passen, damit sich der Spritzfächer sauber aufbaut und das Unkraut sicher getroffen wird.
Noch funktioniert nicht alles unter allen Bedingungen. Kleine Unkräuter, Mischverunkrautung, ungünstige Lichtverhältnisse oder hohe Fahrgeschwindigkeiten können die Erkennung erschweren. Zudem geht es beim Spot Spraying derzeit vor allem um Herbizide. Bei Fungiziden und Insektiziden ist eine punktgenaue Behandlung kritischer zu betrachten, weil Erreger oder Schädlinge nicht immer sichtbar und sicher abgrenzbar sind.
Großmann empfiehlt deshalb, nicht mit der komplexesten Lösung zu starten. Sinnvoller ist es, die eigenen Einsatzfelder zu prüfen, Prognosemodelle konsequent zu nutzen, Technik in der Praxis anzusehen und bei Bedarf mit Dienstleistern oder einfachen Applikationskarten zu beginnen.
Digitale Technik ist damit kein Selbstzweck. Sie kann Pflanzenschutz präziser machen – die fachliche Entscheidung bleibt aber beim Landwirt und beginnt weiterhin mit dem Blick in den Bestand.